Künstler Thomas Putze

 

Bauernkriegsfamilie, Skulpturengruppe, Holz und Stahl, 220 x 400 x 400 cm, 2013

Gestiftet von der Bürgerstiftung Herrenberg

Überlebensgroß flankieren die grob aus den Stämmen gesägten Figuren eines Mannes und einer Frau den Torso des nach hinten versetzten Kindes. Sie sind durch Stahltrossen umfangen und untrennbar miteinander verbunden. Der Mann greift nach einer in den Berg getriebenen Stahlnadel, einer Eisenbahnschiene. Mit stählernem Arm und übergroßer hölzerner Faust klammert er sich an diesen Ankerpunkt. Er versucht damit der Figurengruppe und seiner an ihm zerrenden Familie Halt zu geben. Parallel zum ansteigenden Pfad weist der lang gestreckte Arm dem Betrachter den weiteren Weg. Der geschundene Körper des Mannes neigt sich zu Frau und Kind, hangabwärts gewandt, mit gespreizten Beinstümpfen am Boden haftend. Die Frau empfängt die Ankommenden mit einem mächtigen, zum Wegrand absinkenden Arm, seit Michelangelos römischer Pietà ein Gestus für Ohnmacht und Verzweiflung. Die Figuren sind überlebensgroß. Sie fordern die Betrachter geradezu heraus, sich mit der Situation der Bauernfamilien während der Bauernkriege zu identifizieren.

Zwischen dem Elternpaar, vor der teils grün überwachsenen Umfassungsmauer, mit Stahlseilen vertäut, erscheint der Rücken eines Kindes. Der Torso des Kindes wendet sich dem Kopf zu, der verbunden mit einem Stahlseil abgeschlagen am Boden liegt.

Thomas Putze wurde zu der Komposition der „Bauernkriegsfamilie“ durch die Kreuzigungsszene des Herrenberger Altars von Jerg Ratgeb inspiriert:

„Die unglaublich verrenkten und ausgerenkten Gliedmaßen der Figuren, insbesondere der Schächer. Dies führt zu den Drahtseilen, die dieses Ausgerissensein, diese Unförmigkeit, die dadurch entsteht, wiedergeben sollen.

Zusammenhalt und Leid, die Freude aneinander und die Unfassbarkeit der Gewalt, sowohl gesellschaftlich als auch im engsten Familienkreis.

Trotz der zur Verfügung stehenden geschichtlichen Information und eigenen Erfahrungen als dreifacher Vater stellt sich mir die Frage, wie sich diese Themen bildhauerisch umsetzten lassen ohne im rein Erzählerischen oder in müden Allegorien unterzugehen.

Der Baumstamm als gewachsenes Material spiegelt den menschlichen Körper wieder, seine Durchbohrung den gewaltsamen Zugriff von Außen, der von der kalten Materialität der Drahtseile gesteigert wird. Zugleich aber sind sie es, die die abgetrennten Gliedmaßen verbinden und die Figuren vor der Zerstreuung bewahren. Die Figurengruppe habe ich im Gelände verspannt, die Faust des Mannes ankert im Hang und hält dem Seilzug stand, der Arm der Frau erstreckt sich in den Weg und öffnet das Geschehen für den Betrachter. Besonders freut mich der Efeu, der an den Figuren emporrankt und die Kunst mit der Natur verhäkelt.“

Die Symbolkraft des Stahlseils ist ambivalent – es bedeutet sowohl Zusammenhalt als auch Gefesselt- oder Angekettetsein. Die Stahltrossen verweisen darauf, dass der des Hochverrates beschuldigte Jerg Ratgeb bei seiner Vierteilung 1526 zu Pforzheim von Tauen zerrissen wurde. Auch er hinterließ Frau und Kind. (Bernd W. Rieger)

 

Thomas Putze
Biografie
2015